Cannabis in der Medizin | Cannabis Heilmittel

Cannabis in der Medizin: Welche Vorteile hat dieses umstrittene Heilmittel für Senioren?

Bild zum Artikel: Cannabis in der Medizin | Cannabis Heilmittel
(Quelle: www.pixabay.com)
Bild zum Artikel: Cannabis in der Medizin | Cannabis Heilmittel
(Quelle: www.pixabay.com)

Cannabis - für die einen ist es eine gefährliche Droge, für die anderen eine uralte Naturpflanze mit heilenden Wirkungen. Die einen verbinden es mit kiffenden Jugendlichen mit geröteten Augen, die anderen mit einem Arzneimittel aus der Apotheke.

Als eine der ältesten Nutz- und Zierpflanzen der Welt wird Cannabis als Faser-, Heil- und Ölpflanze verwendet, erfreut sich aber auch als Rauschmittel großer Beliebtheit. Fast die Hälfte aller Befragten gab im Mai 2014 bei einer nicht repräsentativen Umfrage auf zeit.de an, im Jahr vor der Befragung Cannabis konsumiert zu haben.
Seit Jahren, ja Jahrzehnten, gibt es große Diskussionen, ob die Hanfpflanze auch als Medikament eingesetzt werden darf. Derzeit wird die Wirkung seiner Inhaltsstoffe Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) intensiv erforscht. Bereits seit 2011 ist in Deutschland Cannabis zur Herstellung von Zubereitungen zu medizinischen Zwecken im Umlauf, cannabishaltige Fertigarzneimittel sind verschreibungsfähig zu erhalten. Zuvor mussten sich Erkrankte die Einnahme solcher Arzneimittel –in begründeten Ausnahmefällen– durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte genehmigen lassen.

2007 war erstmals eine Ausnahmegenehmigung erteilt worden – für eine an multipler Sklerose (MS) erkrankte Patientin. Im Juli 2014 folgte durch ein Urteil des Verwaltungsgerichtes Köln der nächste Meilenstein: Das Gericht entschied, dass schwerkranke Menschen für den Eigenbedarf Cannabis anbauen dürfen. Allerdings nur zu Therapiezwecken und unter bestimmten Bedingungen. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach forderte danach, die Krankenkassen sollten die Kosten für Cannabis aus der Apotheke übernehmen. Noch weiter geht der Thüringer Bundestagsabgeordnete Frank Tempel (Linkspartei). Tempel setzt sich für eine vollständige Entkriminalisierung des Cannabisbesitzes ein – egal, ob aus gesundheitlichen oder anderen Gründen.

Bei welchen Krankheiten hilft Cannabis?

Dieser kurze Überblick zeigt, dass die Debatte längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und den Status einer Randgruppen-Diskussion verloren hat. Aber bei welchen Krankheiten ist überhaupt eine medizinische Wirkung von Cannabis möglich? Gut dokumentiert ist bereits die Wirksamkeit bei multipler Sklerose, Übelkeit, Erbrechen und Kachexie, einer starken Abmagerung. Viele Studien weisen auf das Potential von medizinischem Cannabis in der Schmerztherapie, bei Depressionen, bei gewissen Krebsformen sowie bei vielen Autoimmunerkrankungen wie beispielsweise Morbus Crohn hin. Cannabis wird beispielsweise eine entspannende und appetitanregende Wirkung zugeschrieben.

Die Fachärztin Kirsten Müller-Vahl, Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, wies als erste Medizinerin die Wirkung von Cannabis beim Tourette-Syndrom nach. Sie setzte sich in einen Interview mit Spiegel Online dafür ein, die Hürden für die Erteilung einer Ausnahmegenehmigung bei der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel zu senken. "Ich hoffe auch, dass wir bald bessere Cannabis-Medikamente haben werden", erklärte Müller-Vahl in Hinblick auf weitere Forschungsfortschritte. "Im Gehirn und vielen Organen finden sich Cannabisrezeptoren. Das allein deutet auf ein großes medizinisches Potenzial hin", sagte die Medizinerin. Sie selbst stecke -wie viele andere Ärzte- in einem Dilemma. "Ich habe jede Woche Tourette-Patienten in meiner Praxis, die mir sagen, dass kein Medikament ihre Ticks lindern kann, aber ein Joint habe ihnen geholfen. Die Patienten wollen nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten und die Kasse zahlt ihnen Cannabismedikamente nicht. Denen kann ich nicht helfen, obwohl ich weiß, dass es ein Mittel gibt". Der Sozialstaat müsse da eine Lösung finden, forderte Müller-Vahl.

Warum sind die Hürden immer noch so hoch?

Cannabis ist als Rauschmittel weit verbreitet und gilt als weiche Droge, die nach Meinung mancher Experten ein Einstieg zu weiteren harten Drogen sein kann. Nach dem Bundesbetäubungsmittelgesetzt ist der Konsum zwar erlaubt, der Besitz und Anbau in der Regel jedoch strafbar. In Deutschland ist Cannabis als Folge der zweiten Opiumkonferenz zur Eindämmung von Drogen seit 1929 illegal. Das Verbot von Cannabis hat mittlerweile also eine fast 80-jährige Tradition, es ist in weiten Teilen der Gesellschaft und der politischen Klasse akzeptiert. Es können, je nach psychischer Verfassung des Konsumenten, positive Gefühle wie Glück und Euphorie, aber auch Angst, Traurigkeit und Misstrauen auftreten. Des Weiteren ist es durch die Anwendung möglich, dass Psychosen oder Depressionen ausgelöst werden. Beim medizinischen Cannabis gibt es –wie bei fast jedem Medikament–  mögliche Nebenwirkungen, die jedoch nicht mit den Begleiterscheinungen des meist als Joint konsumierten Rauschmittels vergleichbar sind.
Nur ganz wenige Menschen mit schweren, meist chronischen Erkrankungen können in Deutschland auf eine Verschreibung hoffen. Ob die Krankenkassen die meist sehr teure Behandlung übernehmen, ist wiederum eine andere Frage.

Cannabis, Marihuana, Gras, Hanf, Pollen, grün, Hand, Pflanze, Medizin, Medikament, Arznei, Arzneimittel, legal
(Quelle: www.pixabay.com)

Welche Arzneimittel auf Cannabisbasis gibt es?

Sativex ist eine Kombination aus den beiden Cannabis-Inhaltsstoffen THC und Cannabidiol, die ähnlich wie Asthma-Medikamente in den Mund gesprüht werden. Die Kassen übernehmen die Kosten für Patienten mit Multipler Sklerose, die an unkontrollierten Spastiken leiden. Andere Patienten müssen das Medikament in der Regel selber zahlen: Nur in Einzelfällen zahlen die Kassen auf Kulanzbasis. Zudem können Ärzte die im Ausland zugelassenen Präparate Dronabinol und Nabilon verschreiben, die nur THC enthalten. Dafür fallen gleich Kosten von mehreren hundert Euro pro Monat an.

Fazit 
Die Anwendung von medizinischem Cannabis ist in Deutschland weiter umstritten, wird derzeit aber intensiver denn je erforscht. Positive Auswirkungen des Stoffes sind nach Ansicht einiger Mediziner bewiesen. Wir werden Sie weiter über die Debatte auf dem Laufenden halten.


DIESEN BEITRAG: KommentierenDrucken
Bewerten:
Empfehlen:

Mehr von Thomas Fritz
Profilbild von Thomas Fritz

Thomas Fritz (Jg. 1982) ist ein freier Journalist aus Leipzig, der seit 2010 in der Branche tätig ist und bundesweite Auftraggeber hat. Nicht die tagesaktuelle Berichterstattung, sondern gut recherchierte Hintergrundberichte, Porträts und Reportagen sind sein ...


Kommentar schreiben

Sicherheitscode