Tadschikistan | Usbekistan | Reisen | Tajik-Rally

Meine Reise nach Tadschikistan über Usbekistan - Tajik-Rally 2014

Bild zum Artikel: Tadschikistan | Usbekistan | Reisen | Tajik-Rally
(Quelle: ostournauten.de)
Bild zum Artikel: Tadschikistan | Usbekistan | Reisen | Tajik-Rally
(Quelle: Helmut Lettau)

Man ist nie zu alt, um ein echtes Abenteuer zu erleben. In meinem Reisebericht schreibe ich über meine persönlichen Erfahrungen als Teilnehmer & Sieger der Tajik-Rally 2014 und das mit über 60 Jahren. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen!

Schon lange wollte ich mal eine Reise in unbekannte, vom Tourismus noch unberührte Gegenden erfahren. Eines Tages im Jahr 2013 stieß ich beim Stöbern im Internet auf eine „Tajik-Rally“. Offenbar ein verwegenes Abenteuer, ein Autorennen von München durch die ehemaligen südlichen Sowjetrepubliken nach Tadjikistan. Auf der Internetseite wurde zur Teilnahme für die Rallye im August 2014 aufgefordert. Kein wirkliches Autorennen, wie sich schnell herausstellte, immerhin aber eine echte Herausforderung. Ich schaute mir die möglichen Wege nach Tadschikistan auf Landkarten an. Hier gab es gleich die erste Hürde: Gute Karten gibt es für europäische Länder und für die Türkei. Die „dahinter“ liegenden Länder sind offenbar noch nicht sehr genau vermessen worden. Das erhältliche Kartenmaterial ist trotz sorgfältiger Recherche im Ergebnis miserabel. Ca. 10.000 km durch weitgehend unerschlossene Gegenden, Wüsten und über Gebirge, deren Namen ich zuvor nie gehört hatte. Durch Landstriche, in denen es weder genügend Tankstellen noch brauchbare Gasthöfe gibt. Nicht zu reden von der weitgehend nicht vorhandenen medizinischen Versorgung. Wo immer ich von meinem Plan „Tajik-Rally 2014“ erzählt habe, stieß ich auf fragende Gesichter und... „in deinem Alter? ...viel zu gefährlich“ Die Sache ließ mich aber nicht mehr los. Ich begann, mich mit der Reiseplanung zu beschäftigen.

Das Wichtigste schien mir ein guter, verlässlicher Freund als Reisegefährte. Einer, dem ich zutrauen konnte, dass er so schnell die Nerven nicht verliert, wenn es einmal schwierig wird. Der aber gleichzeitig auch die Begeisterung und die Neugier für das Abenteuer der fremden Länder und ihrer Menschen teilen kann. Mit dem ich in jeder Situation auf der langen Reise die beste Lösung finden würde. Denn bei so einer Tour durch Länder, wie beispielsweise Turkmenistan, da kann unterwegs das eine oder andere Hindernis auftauchen, das war mir bewusst. Zum Glück konnte ich im Freundeskreis mit Andreas Schlimm schnell einen ebenso abenteuerlustigen, wie verantwortungsbewussten Gefährten finden und bin dafür sehr dankbar!

Etwa im März diesen Jahres begann die gemeinsame konkrete Planungsphase. Der Veranstalter der Rallye lässt den teilnehmenden Teams erfreulicherweise maximale Freiheiten, was die Route angeht. Die Warnung vor einer Durchreise durch die unruhige Ukraine führte schnell zur Wahl der „Südroute“ über die Türkei, Georgien und Aserbaidschan. Von Baku aus würden wir mit der unregelmäßig verkehrenden Eisenbahnfähre über das Kaspische Meer nach Turkmenistan übersetzen. Und im weiteren Verlauf die legendären Städte der Seidenstraße Ashgabat, Samarkand und Buchara besuchen. Traumziele des Orients.  

Die Zeit, ins Schwärmen zu geraten, wird noch kommen. Jetzt mussten wir zunächst sehr einfache und ernüchternde Aufgaben lösen: Welche Visa brauchen wir für welches Land, welche Impfungen werden empfohlen, wie erfüllen wir die weiteren Anforderungen des Veranstalters? Der nämlich hat den Rallyeteilnehmern verschiedene Auflagen gemacht: Die Autos werden am Ziel in Dushanbe, der Hauptstadt Tadschikistans für einen guten Zweck an Hilfsorganisationen versteigert, aus unserer Sicht also verschenkt. Deshalb dürfen auch nur 10 Jahre alte Kleinwagen mit maximal 1,2 l Motoren teilnehmen. Der vernünftige Grund: große, benzinfressende und technisch komplizierte Autos sind in diesen Ländern wenig alltagstauglich.

Ersatzteile an der verbeulten Front, ein Dachgepäckträger und einige Reservereifen. Aber die Beurteilung der Tauglichkeit dieses Fahrzeugs für anstrengende 10.000 km mit endlosen Geröllstrecken durch wüstenähnliche Regionen, wollten wir uns nicht allein zutrauen. Zu unserem Glück fanden wir einen Vertragshändler, der sich bereit erklärte, als Sponsor das Auto kostenlos auf Herz und Nieren zu untersuchen. Nachdem sogar der Motor zerlegt und wieder zusammengesetzt wurde, dürfen wir nun annähernd sicher sein, dass unser kleiner Lieferwagen bis zur Grenze nach Afghanistan durchhält. Zum Schutz der Antriebseinheit vor Bodenberührung im Gelände, fertigten wir uns aus eigenen Mitteln auch noch einen stabilen Unterfahrschutz. Als Dank darf dieser Sponsor -wie andere Unterstützer auch- seinen Firmennamen auf dem Auto verewigen. 

Parallel zu unseren Reisevorbereitungen, so schreibt es der Veranstalter dieser "Rallye für einen guten Zweck" vor, haben wir eine Spendensammelaktion zugunsten einer verbesserten Trinkwasserversorgung in unserem Zielland Tadschikistans gestartet. Im Freundes-, Verwandten- und Bekanntenkreis, aus dem auch viel Unterstützung verschiedenster Art kam, konnten wir recht schnell 850 EUR auf unserem Spendenkonto sammeln und der Hilfsorganisation für ihre wichtige Arbeit in einem der ärmsten Ländern der Welt übergeben.

Beim Rückblick auf die Vorbereitungsphase von etwa 6 Monaten muss noch erwähnt werden, dass die -gelegentlich extrem unbequeme- Beschaffung der diversen Visa jede Menge Zeit und bürokratische Feinarbeit unsererseits erforderte. Auch die Serie von Impfungen, die der Hausarzt empfohlen hatte, musste in der richtigen Reihenfolge durchgeführt werden, um einen optimalen Schutz zu haben. Unser Zielgebiet, die ehemaligen südlichen Sowjetrepubliken, wird uns nicht mit einer perfekten Infrastruktur empfangen.

In dieser letzten Woche wird aus der Mühe der Planung und Vorbereitung Vorfreude auf unsere große Abenteuerreise nach Zentralasien. Der Startschuss für uns und 25 weitere Teams fällt am Sonntag, 10. August, am Schloss Hohenthann bei Landshut in Bayern. 

Für detaillierte Informationen zu meiner Teilnahme an der "Tajik-Rally" können Sie nachfolgend gern mein ausführlich beschriebenes Tagebuch lesen. Es wird sich lohnen, denn ich habe viele tolle Abenteuer erlebt! 


Reisetagebuch der "Tajik-Rally" vom 09.08.-29.08.2014

Samstag, 9. August - Anreisetag
Anreise von Westerburg über Frankfurt, Nürnberg nach Regensburg. Ziel ist Schloss Hohenthann bei Landshut. Abendliches Zusammensein mit etwa 13 Teams im Biergarten vom Brauereigasthof beim Wienerschnitzel und einer Maß. Ein YouTube-Film mit Rallye-Material aus dem Vorjahr wird an die Außenwand der Kirche projiziert.

Sonntag, 10. August - Starttag

Tajik, Rally, Lettau, Starttag
Starttag Tajik Rally 2014 (Quelle: Hellmut Lettau)

Es ist ein schöner sonniger Morgen. Weitere Teams aus ganz Deutschland treffen am laufenden Band ein. Ein klägliches Weißwurstfrühstück wird vom Veranstalter angeboten. Die Registrierung der Teams, der Fahrzeuge mitsamt der Dokumente und die Ausgabe von Werbegeschenken des Hauptsponsors Liqu Moly wird von Borris und seinem Team organisiert. Wir führen lockere Gespräche über das Bevorstehende. Einige Teams kennen wir ja schon. Gegenseitiges genaues Beäugen der Fahrzeuge. Die Teams haben sich z. T. lustige Namen gegeben (Mission Melone, Team Erzgebirge, Ostwind, Mountain Nomads, etc.). Die Fahrzeuge sind alle kräftig "rallyemäßig" aufgemotzt. Das morgendlichen Treffen ist ein buntes Durcheinander. Der Veranstalter bzw. die Vertreter der Hilfsorganisationen halten zum Glück knapp gehaltene Reden. Allgemeines Dankeschön. Wir schaffen bei der Schönheitskonkurrenz der Autos einen respektablen Platz 3. Die ganze Aufregung am Start wird von einem Kamerateam (VOX) mit einer Drohne gefilmt. Ebenso werden Interviews mit fast allen Teams gemacht. Dann geht es unter Riesengejohle und Gehupe los - mit angezogener Handbremse, was sich erst nach ca 8 km herausstellte. Wegen des Gequalmes unserer Bremse stoppen uns andere Teams. Hoffentlich ist die Bremse heil geblieben. Der bayrische Verkehrsfunk meldet die Totalsperrung der Autobahn nach Linz. 4 Stunden Stau. Wir weichen als geschlossene kleine Kolonne über kleine Straßen Richtung Österreich aus und finden unseren Weg nach Wien. An diesen Tag schaffen wir es bis zur Ungarischen Grenze. Dort im bewährten Hotel "Paprika" gibt es gutes Abendessen und eine angenehme Nacht für 50 EUR.

Tajik, Rally, Lettau, Starttag
Starttag Tajik Rally 2014 (Quelle: Helmut Lettau)

Montag, 11. August: 
Es gibt super Frühstück und es ist ein guter Start um 8:30 Uhr für die Strecke Rumänien, Budapest, Szeged, Timisoara, Dobreta/St. Severin. Wir machen heute Strecke. An der wunderschönen "Eisernen Pforte", dem Durchbruch der Donau durch die Karpaten, finden wir gegen Abend ein idyllisches Plätzchen direkt am Fluss, um unseren Peugeot-Partner zum ersten Mal als Wohnmobil zu benutzen. Der Umbau des Innenraums zum Schlafplatz gelingt einfach und schnell. Das Hindernis, die verkeilte Schraube im Schiebemechanismus des Fahrersitzes, kann nach langem Probieren gemeinsam gelöst werden. Die Anwohner beäugen uns mit prüfender Neugier, bieten aber schließlich ungefragt Trinkwasser an. Sehr nett. Die in Rumänien unvermeidbaren verwilderten Hunde müssen noch vertrieben werden, dann können wir unser Fertiggericht löffeln, noch ein wenig den Abend am großen Fluss genießen und schlafen gehen. Die Temperatur sinkt in der Nacht praktisch nicht ab. Es ist Vollmond. Beide schlafen wir gut.

Dienstag, 12. August:
Erstes Aufwachen im Mini-Wohnmobil. Super-Sonnenmorgen am Strand der "Duna". Autofahrt über die neue Donaubrücke bei Calafat (Rumänien) über Montana (Bulgarien) und an Sofia vorbei bis hinter Plovdiv. An einem kleinen Fluss mit alter und neuer Brücke finden wir ein schönes Plätzchen. Zum Abendessen gibt es selbst zubereitetes Hackfleisch mit Bandnudeln.

Tajik, Rally, Lettau, Wohnmobil, P, Mann
Frühstück vorm Wohnmobil (Quelle: Helmut Lettau)

Mittwoch, 13. August:
Die Einreise in die Türkei läuft ohne Probleme. Endloses Autobahnfahren auf Istanbul zu. Vor der Stadt um ca. 15:30 Uhr gibt es einen grandiosen Stau auf 10 Spuren und ein nerviges Reingequäle in die Stadt. Wir finden einen Standplatz auf einem provisorischem Parkplatz mitten in der Stadt. Mit Fähre und Metro erreichen wir die Galata Brücke. Dort leisten wir uns ein Essen und machen ausgiebig Fotos. Im Internetcafé laden wir erste Fotos auf unsere Facebookseite "Ostwestpartner" hoch. Auch schauen wir auf der GPS-Tracking-Seite nach, wo die anderen Teams stecken. Weil diese fast alle die Fete in Rumänien mitmachen, liegen wir vorn. Im Internetcafé stelle ich pötzlich fest, dass ich den Rucksack mit allem Geld und allen Papieren im Restaurant auf der Galata Brücke stehen gelassen habe. Wie gestochen renne ich dahin zurück. Lächelnd zeigt mir der Kellner meinen Rucksack. Puh! Offenbar sind heute keine Diebe in der Stadt.

Galata Brücke, Brücke, Istanbul, Türkei, Tajik, Rally, Lettau
Galata Brücke in Istanbul (Quelle: Helmut Lettau)

Donnerstag, 14. August:
Wir fahren ganz früh los in Richtung Schwarzmeerkueste. Am Strand fallen wir beide -mittlerweile ziemlich ungeduscht- ins warme und gar nicht schwarze Meer. Hier baden überwiegend türkische Familien. Daneben aber auch Vollverschleierte unmittelbar neben Bikinischönheiten. Ein ehemaliger Gastarbeiter redet ein paar Worte Deutsch mit uns. Tourismus aus dem Ausland gibt es hier wohl noch nicht. Wir setzen unsere Fahrt durch das Hinterland fort und lassen aussterbende Dörfer und ziemlich arme Bäuerlein an uns vorbei ziehen. Für die Nacht finden wir einen Standplatz in der Wildnis unmittelbar an der Schwarzmeerküste. Der mitgenomme Grill bewährt sich an diesem Abend hervorragend. Er nimmt zusammengeklappt fast keinen Platz weg, ist aber im Einsatz ein vollwertiger Brutzelplatz. Wir grillen Hühnerbeine mit Abmessungen, die es bei uns nicht mehr gibt. Schmecken, von Andi super gewürzt, hervorragend.

Freitag, 15. August: 
Wir sind weiter am Schwarzen Meer in Richtung Georgien. Endlose kurvige und z. T. sehr schlechte Küstenstraßen mit Steigungen, die unserem kleinen Peugeot das Letzte abverlangen. In einer Kleinstadt machen wir Mittagspause unter Bäumen im Stadtparkcafé. Dort treffen wir gleich zwei mal sehr nette Deutschtürken, die uns ungefragt ihre Hilfe anbieten. Später wird die Straße endlich besser. Wir wollen wieder etwas Strecke schaffen. Die Türkei ist flächenmäßig mehr als doppelt so groß wie Deutschland. Das merken wir heute. Wir schaffen es an der Riesenstadt Samsun vorbei, bis kurz vor die Stadt Ordu. Dort nehmen wir wieder einen Standplatz in der ersten Reihe am Meer. Schön, wenn man mit dem Bett so nah am Wasser einschlafen kann.

Samstag, 16. August: 
Wir wollen heute die Stadt Batumi in Georgien erreichen. Es sind nur noch schlappe 500 km bis zur Grenze. Also eher etwas zeitiger starten. An der Grenze herrscht eine chaotische Organisation, Autogedrängel auf cm-Abstände und Warten in einer kilometerlangen Schlange. In der Schlange verdienen "Platzhalter" mit ihren Autos Geld von eiligen Reisenden. Da ist reichlich Ärger bei den Wartenden programmiert. Die eigentliche Einreise verläuft trotz mürrischer Grenzer problemlos. Georgien fotografiert jeden Einreisenden! Wir wollen an der Grenze eine Autoversicherung abschließen. 3 Mal wird uns gesagt, eine Versicherung gäbe es hier nicht. Ist auch gar nicht nötig, weil man sich hier "so" einigt. Mmh! Es bleibt ein sehr ungutes Gefühl, zu wissen, auf der grünen Karte der deutschen Versicherung ist Georgien nicht verzeichnet. Nach einigem Geschiebe sind wir schließlich endlich in Georgien. Gegen Abend finden wir einen guten Standplatz am Meer hinter dem Flughafen nahe der Hafenstadt Batumi. Leider finden bis tief in die Nacht Baggerarbeiten statt. Wir kochen eigene Nudeln mit Rindfleisch aus der Dose. Spät abends kommt das Team "Wüstenfuchs" dazu. Die beiden Ostfriesen im Skoda erzählen von ihrem Trip. Sie haben noch eine türkische Familie besucht, deren Sohn, ein Kumpel von den Beiden, bei einem Motorradunfall im Friesland ums Leben gekommen ist. Es wird ein langer netter Abend mit kaltem Bier aus einem lokalen Miniladen, der überraschenderweise Bier aus Deutschland verkauft. Was für eine Wohltat!

Tajik, Rally, Lettau, Wohnmobil, PP, Pause, Rast
Nachtlager in Georgien (Quelle: Helmut Lettau)

Sonntag, 17. August:
Fahrt durch das supergrüne Georgien bis ca. 100 km vor Tiflis. Stop an einem Bergbach an (und in) dem sich die lokalen Familien zum Sonntag erholen. Wir sehen georgisches Familienpicknick und das Schwimmen und Toben der Kinder im Wasser. Wieder so ein Ort, an dem unsere "Pustefix"-Seifenblasenspiele auf sehr großes Interesse stoßen. Der Vater einer Familie war als Sowjetsoldat in Berlin. Später Essen wir in einem sehr guten Restaurant am Bergbach ein Stück weiter. Dort treffen wir Christian und seine Freundin aus Quedlinburg mit ihren zwei Hunden und einem selbstgebauten Wohnmobil. Gemeinsamer Standplatz am wunderschönen Fluß im Tal. Ein paar Worte zum Verhalten in der Natur. In den südeuropäischen Ländern, ab etwa Rumänien wird egal, was an Abfall anfällt wird von fast allen Einheimischen einfach in die (schöne) Landschaft geworfen. Die daraufhin oft wie ein Müllplatz wirkt. Es ist einfach unbegreiflich und auch weitgehend unentschuldbar, was da gemacht wird. Im Verlauf der Reise haben wir eine z. T. etwas bessere Situationen in der Türkei, aber wieder katastrophale Zustände in Georgien gesehen. Dieses Verhalten können wir uns nicht erklären.

Montag, 18. August:
Wir fahren durch Tiflis zur Grenze und stehen 8 Stunden bis zur Einreise in Aserbaidschan. In der Schlange lernen wir 2 nette Kerle aus Baku kennen, die uns einladen und alle Hilfe anbieten. Wir wollen eventuell später ein Treffen in Baku (Baki) vereinbaren, wollen es aber von der Abfahrtszeit der Fähre abhängig machen. Ein georgischer Grenzer kann deutsch und warnt uns vor allzu eifrigen Polizisten in Aserbaidschan. Wir ordern noch eine Auto-Versicherung, weil uns das Herumfahren ohne Versicherung in Georgien nicht geheuer war. Der georgische Grenzer meint zwar, dass die sowieso nichts zahlen würden, uns ist es aber trotzdem lieber, so ein Papier spazieren zu fahren. Noch ein bisschen Strecke, dann finden wir ein Truckerrestaurant zum Abendessen und sitzen noch in einer kleinen Runde mit türkischen Truckern (Verständigung nur mit Händen und Füßen). Danach Schlafplatz auf dem Parkplatz neben den LKW's.

Dienstag, 19. August:
Auf dem Weg nach Baku, sehen wir rechts und links alle Vegetationsformen. Von Wüste bis fruchtbarer Obst-, Tabak- und Gemüseanbau. Auch zu sehen: Extensive Weidewirtschaft mit Rindern Schafen, Ziegen. Stop durch die sehr rigorose Polizei. Wir sind zu schnell gefahren, wo nur 50 kmh erlaubt sind. Da sei ein Dorf gewesen... das habe ich nicht gesehen. Wir fragen nach den eigenen Kindern der Polizisten und stimmen die beiden mit Pustefix und Sportklamotten milde. Aber dicke Belehrung: Die Straßenverkehrsgesetze sind hier sehr streng. Naja, also wie viel? 200 $. Ich gucke sehr sparsam, gehe zum Dollarvorrat und finde nur 110 $. Ich bringe die zum Polizeiauto und sage, das ist alles, und zwar nagelneue Scheine. Die beiden vergattern mich noch, in Zukunft genau nach den Regeln zu fahren, was ich natürlich sofort und fest zusage. Weil wir also jetzt mit 90, 70, 50 und 30 Sachen auf der recht gut ausgebauten Straße nach Baku rollen, dauert die Fahrt dahin endlos. Plötzlich wieder Kontrolle. Diesmal Militärpolizei, 3 Männer, Kalschnikow. Ausweise, Versicherung, Erklärungen, Funktelefonate. Uns wird noch mal eingeschärft, wie böse alle Armenier sind. Glauben wir zwar nicht, nicken aber brav, damit die uns bald mal in Frieden lassen. Dann noch die Stichworte Michael Schuhmacher, Schweinsteiger, Müller, dann ist alles klar. Wir dürfen weiterschleichen.

Etwas öde ist es schon am Straßenrand und wird mehr und mehr Wüste. Am Abend erreichen wir Baku. In der Umgebung der Stadt stehen überall Erdölpumpen, selbst in Wohngebieten neben den Wohnhäusern. Die Superboom-Erdölstadt Baku protzt mit enormen Gebäuden, Parks und fetten Autos. Man versucht offenbar ein kleines Dubai zu werden. Der ganze Pomp interessiert uns aber nicht so sehr. Gelegentlich lächelt Herr Präsident von einer Reklametafel, damit niemand vergisst, wem sie das alles zu verdanken haben. Gedenksteine, -tore und Verkehrskreisel mit heroischer Aufschrift gibt es überall im Land. In den ländlichen und offenbar trotz Ölboom bettelarmen Gegenden wirken sie besonders lächerlich. Bei unserer Suche nach dem Fährableger im Hafen von Baku werden wir von Autofenster zu Autofenster auf deutsch angesprochen. Ein netter Marineoffizier (Ausbildung bei der Bundeswehr in Hamburg) fischt uns aus dem fließenden Verkehr und geleitet uns zur Ablegestelle des Ferryboats. Diesen Ablegeplatz, an einem Feldweg gelegen, hätten wir erst in 3 Tagen gefunden, kein Hinweisschild, nichts, gar nichts! Vor dem Tor der Fährgesellschaft ist unser Schlafplatz. Wir freuen uns auf die Überfahrt, die uns für 10 Uhr angekündigt ist.

Mittwoch, 20. August:
Wir bekommen morgens die Info, dass es die Fährtickets um 10 Uhr beim Zoll gibt. Gestern hieß es, die Fähre legt um 10 Uhr ab - schon ein Unterschied! Die neueste Info: Das Ticketbüro macht erst um 13 Uhr auf - das Schiff geht um 10 Uhr abends. Nach einigem Hin- und Her verkauft man uns 2 Tickets, vermisst die Länge unseres Peugeots und addiert alles zu happigen 560 US-$. Wir haben keine Alternative, zahlen und begeben uns -vorher Zollabfertigung- in den eintägigen Wartestand an der "Fikret Amirov". Zöllner und Polizisten sind in operettenhaften Uniformen mit jeder Menge goldenen Rangabzeichen und Orden. Die tragen sie mit sichtlichem überbordendem Stolz. Andererseits fallen diese stolzen Gockel -es sind auch einige wenige Frauen dabei- nicht im Mindesten durch Arbeitsamkeit auf. Im Gegenteil. Besucher sind gut beraten, diese Herren auf Distanz und "von unten" her um irgendetwas zu bitten. Sonst funktioniert schnell überhaupt nichts mehr. Der vor uns liegende Hafen von Baku gleicht einem Schiffsfriedhof. Mit dem Unterschied, dass diese Seelenverkäufer fast alle noch fahren. Überall an den Schiffen wird geschweisst und repariert, um den Verfall aufzuhalten. Sicher meist vergeblich. Unsere Fähre stammt vom VEB-Schiffbau aus Rostock. Vor 38 Jahren ist sie dort sicher mal ordentlich zusammengeschweißt worden. Seitdem ist vermutlich nur noch überlackiert worden. Zu unserer Beruhigung erfahren wir noch, dass das baugleiche Schwesterschiff im vergangenen Jahr im Kaspischen Meer gekentert und dann untergegangen ist.

Später an Bord suche ich nach Schwimmwesten, finde aber keine. Immerhin sehen die Rettungsboote bzw. die Rettungsinseln in den Kapseln einigermaßen gut aus und haben ein Kontrolldatum vom letzten Jahr. Das beruhigt mich etwas. Wir lernen einen interessanten Türken kennen, der die Logistik für die US-Truppen in Afghanistan organisiert. Er lädt ca. 40 LKW und LKW-Auflieger mit Versorgungsgütern auf unser Schiff und erklärt uns, dass der Hauptteil der gesamten Afghanistan-Versorgung von Texas nach Herat in Afghanistan auf unserer Route verläuft. Mit ziemlich unzuverlässigen Logistikpartnern im hiesigen Raum. Die Mitarbeiter, die er hier beschäftigt, haben "alle großes Interesse am Geld und überhaupt kein Interesse an der Arbeit" klagt er. Ein netter Kerl. Auf seinem Smartphone zeigt er uns die neuesten Fahrzeuge der US-Armee für Afghansitan. Er glaubt nicht an einen baldigen Rückzug der Truppen. Ob in seinen versiegelten Fahrzeugen hier auf dem Schiff allerdings nur Lebensmittel sind? Ein Kerl, der einen amtlichen Eindruck erweckt, versucht uns, eine Doppelkabine auf dem Schiff für die 13-stündige Überfahrt für 30 $ zu verkaufen. Als wir die muffige Kabine sehen (und riechen) lehnen wir dankend ab. Er kommt mit seiner Offerte etwa 38 Jahre zu spät. 

Die Ladevorgänge dauern bis Mitternacht, dann legt das Schiff endlich ab und wir sehen noch die beeindruckende Skyline von Baku. Herausragend sind 3 nebeneinander stehende Hochhäuser, in der Form lodernder Flammen gebaut. Jetzt nachts gibt es eine riesige Lichtshow über die ganzen Gebäude, ein Farbenspiel mit der Nationalflagge und Figuren, die die Flagge schwenken. Geschmacksache. Die Lichter von Baku versinken im Wechselspiel mit dem Sonnneuntergang sehr schön am Horizont. Unsere Erinnerung an Aserbaidschan ist durch die zum Teil etwas schroffe, abweisende Behandlung durch Polizei und Andere etwas getrübt. Einige andere Leute waren aber auch sehr nett. Bis in die tiefe Nacht sitzen wir zwischen LKW's auf dem Schiffsdeck eingeklemmt, mit türkischen Fahrern und "unterhalten" uns beim Teetrinken über Gott und die Welt. Diese LKW-Fahrer bedürfen wegen ihrer Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft hier einmal einer besonderen Erwähnung. Bei Ausübung einer derart nervigen Arbeit auf dem LKW, sollten die Fahrer eigentlich alle griesgrämig geworden sein, aber nein. Ich wusste gar nicht, dass das so goldige und nette Kerle sind. Über unser SAT-GPS-Telefon kann einer der Trucker die Verbindung zu seiner Familie herstellen. Der gemietete Wunderapparat wird für uns jetzt hier draußen offenbar auch wichtiger.

Fähre, Schiff, Rally, Tajik, Lettau
Tajik Rallye - Fähre nach Turkmenistan (Quelle: Helmut Lettau)

Donnerstag, 21. August:
Die Überfahrt ist ohne Seegang. In der Ferne sehen wir Förderplattformen für Rohöl, dem aktuellen Gold der Region, besonders Aserbaidschans. Riesige Erdgasfackeln lodern im Wind. Das Koppelprodukt Gas ist es offenbar hier noch nicht wert, genutzt zu werden. Wir Nordeuropäer müssen ja ganz ordentlich dafür bezahlen. Vormittags taucht am Horizont die Küste Turkmenistans auf. Reine Sandberge sind ohne jedes erkennbare Grün. Wir sind gespannt auf das, was jetzt kommt. Turkmenistan ist ein Land, was wir beide bisher überhaupt noch nicht wahrgenommen haben. Es heisst hier, es sei das Nordkorea Zentralasiens. Schauen wir mal. Erst einmal rasselt die Ankerkette auf der Reede weit vor der Stadt. Der Hafen von Turkmenbashi hat ein ein Kapazitätsproblem. In gnadenloser Sonne muss unser Schiff warten. Immerhin gibt es ja die Dusche. Baden aber geht von dem sehr großen Schiff aus leider nicht, obwohl das Wasser verlockend aussieht. Wir haben ganztägig Tee mit den türkischen Truckern getrunken und warten bis abends - in der vielleicht lieblosesten Kantine der Welt. Ich bin etwas nervös, was die Wartezeit angeht, denke, langsam kommen wir mit dem Rallyeziel in Zeitnot. Der Rückflug ist am Samstag, 30.08. fest gebucht und wir haben noch ein paar tausend Kilometer vor uns. Was unsere GPS-Tracker zu Hause wohl denken? Unser Signal schwimmt weit draußen im Kaspischen Meer. Zum Abendessen sind wir wieder bei den LKW-Fahrern eingeladen, es gibt Nudeln mit Sauce, lecker. Wir revanchieren uns mit je einem Sweatshirt und einer Runde Wodka.

Freitag, 22. August:
Früh morgens legt unsere Fähre im gottverlassen-wirkenden Hafen von Turkmenbashi an. Die Kühlung in den LKW hat die lange Überfahrt mitsamt dem Warten auf See nicht komplett durchgehalten. Es tropft überall. Eine Menge Lebensmittel dürften verdorben sein. Sehr gemächlich wird das Schiff entladen. Fast zuletzt können auch wir fahren. Unser bei einer Agentur bestellter Helfer für die Grenzabfertigung, Hassan, erwartet uns schon. Ein kluger Bursche. Er weiß, was zu tun ist und absolviert den Hürdenlauf durch mindestens 8 Stationen in erfreulich kurzer Zeit. Er zeigt uns noch, wo wir Geld bekommen können und in einem Supermarkt kaufen wir gemeinsam unseren Bedarf für die kommende Fahrt durch die Karakum-Wüste ein. Wasser ist -wie immer- die erheblichste Position. Bis Ashgabat wird es auf etwa 400 km nur sehr wenige Ortschaften geben. Wir hissen wieder die aktuelle Fahne des Landes. Immer haben wir rechts die Deutsche, links die Fahne des Landes, in dem wir uns befinden auf dem Autodach gehisst. Das kommt sehr gut an. Im Vorbeifahren sehen wir mehrmals wild lebende Dromedare. Von den anderen Autofahrern werden wir überall durch Gehupe und Gewinke gegrüßt. Deutschland ist hier wohl ziemlich populär. Die Straßen allerdings zwingen die Fahrer zu größter Aufmerksamkeit. Tiefe Spurrillen und plötzliche tiefe Schlaglöcher bedrohen unseren kleinen "Partner". Es gelingt uns aber, das Auto sicher über die Piste zu bringen. Die langen Federwege des Peugeot und die Spezialreifen von Michelin -zur Verfügung gestellt von unserem Sponsor Autohaus Frensch- kommen uns dabei sehr hilfreich vor. Spät abends kommen wir in der Hauptstadt an. Wir bitten die vorbestellte Agentur um eine Einweisung in ein Hotel, was hier der vorgeschriebene Weg ist. Artem von "Travel Notoria" geleitet uns zu einem sehr sonderbaren, nicht ganz funktionierendem Hotel. Todmüde sinken wir in die mangelhaften Betten und erinnern uns an unsere sehr viel besseren eigenen Schlafplätze im Auto vor dem Hotel.

Samstag, 23. August:
Wir wachen auf und machen eine kleine Rundfahrt durch das prächtige Ashkabad, "weiße Stadt". Eine vom Diktator offenbar am Reißbrett geplante Kunststadt mit Repräsentationcharakter. Wir fühlen uns hier nicht wohl. Artem zeigt uns eine Gelegenheit zum Frühstück in einer Mall. Ich denke, dass wir hier so fern vom Orient sind, wie in einem deutschen Einkaufszentrum. Also sollten wir schnellstens das Weite suchen. Die nächste Stadt ist Mary. In dieser Stadt suchen wir ein Internetcafé, um mal wieder zu schauen, wo die anderen sind. Unser Weg und die Wege der beiden Teams, die durch den Iran gefahren sind, könnten und sollten sich hier kreuzen. Leider ist das Internetcafé um 18 Uhr schon geschlossen. Kein freies Land hier, also weiter. Die Straße ist zum Teil in katastrophalem Zustand und wird immer schlimmer. Spurrillen von ca. 20 cm Höhe und Schlaglöcher zum Teil noch tiefer, bestimmen, wo der Verkehr rollt. Ein Teil der Fahrbahn bleibt ungenutzt, auf dem restlichen Platz drängeln sich alle. Zwischendurch auch immer Stücke mit derber Schotterpiste. Wir müssen reichlich Staub der Vorausfahrenden schlucken - andere wiederum müssen unseren Staub schlucken.

Sandburg, Tajik, Rally, Lettau, Sand
Rundfahrt durch Ashkabad - die weiße Stadt (Quelle: Helmut Lettau)

Abends finden wir wieder einen Rastplatz mit sehr netten LKW-Fahrern, mit denen wir eine gemütliche Runde bilden. Andi ruft alle einzeln Sitzenden zusammen an einen Tisch. Eine Kommunikation findet, obwohl wir kein Russisch können, mit Händen und Füßen statt. Wieder mal ist jemand dabei, der in Deutschland als Rotarmist gedient hat. Die Ortsnamen Stendal, Potsdam, Magdeburg fallen. Die Erinnerungen der Rotarmisten überraschen mich: Fast immer: "Deutschland gut." Da müssen wir auch unseren letzten Wodka spendieren.

Sonntag, 24. August:
Wir fahren früh in Richtung Tuerkmenabad/Grenze zu Usbekistan. Lange Kilometer auf grauenhafter Straße. Die Landschaft wechselt schnell von Wüste zu Flußoasen und wieder zu Wüsten. In den Flußoasen, also dort, wo Wasser ist und Bewässerung stattfindet, wächst alles, was des Herz begehrt. Es wird auch alles gleich am Straßenrand angeboten: Tomaten, Gurken, Obst aller Art. Wir bemerken, dass die Früchte hier deutlich besser als bei uns zu Hause schmecken. Wie immer ist die Abfertigung an der Grenze aufwendig und mit langem Warten verbunden. Die erste Stadt, in die wir einfahren, ist Buchara (Buxoro). Auf der abendlichen Suche nach einem Restaurant -wir sind nicht sicher, ob die Reisekasse für die gefundene gehobene Kategorie noch reicht- werden wir von 3 älteren Herrn am Nachbartisch eingeladen. Sie erwecken den Eindruck, dass sie die 3 allerwichtigsten Herrschaften von Buxoro sind. Der Banker, der Mercedes-Händler und der Hautarzt. Es wird uns bedeutet, dass nun alles, was die usbekische Küche zu bieten hat, aufgefahren wird - bis sich der Tisch biegt. Selbstverständlich sind wir geladene Gäste. "Geld spielt keine Rolle." Leckerste Speisen der usbekischen Küche werden aufgetischt und wir essen uns satt. Ganz nebenbei fließt auf die Deutsch-Usbekische Freundschaft der Wodka in Strömen. Diese Honoratioren hinterlassen bei uns einen mächtigen Eindruck. Ein sehr netter lauer usbekischer Sommerabend. Die Herrschaften holen irgendwie noch einen Enkel heran, der Englisch sprechen kann. Der Student wird verdonnert, uns am nächsten Tag die Stadt zu zeigen. Trotz Einladung beim Banker zu Hause zu schlafen, verbringen wir die Nacht lieber in unserem kleinen Wohnmobil.

Sandburg, Sand, Rundfahrt, Tajik, Rally, Lettau
Rundfahrt durch Ashkabad - die weiße Stadt (Quelle: Helmut Lettau)

Montag, 25. August:
Morgens ist unser Stadtführer tatsächlich bereit. Wir machen einen Stadtrundgang durch das bezaubernde orientalische Buchara. Es fällt auf, dass hier, anders als in vielen Städten des Orients, keine Hektik und übermäßige Betriebsamkeit herrscht. So können wir die historischen Stätten und das örtliche Museum in Ruhe betrachten und fotografieren. Nachmittags fahren wir in Richtung Samarkand. Auf der Straße werden wir dauernd angehupt und bewunken. Ein toller Eindruck. Wenn die Leute hier Deutschland hören, flippen sie vor Freude aus. Wir fahren so vor uns hin, da werden wir plötzlich zum Stopp abgewunken. Sehr gut Deutsch sprechende Leute laden uns zu einer Hochzeit ein. Donnerwetter! Wir sagen spontan zu und ahnen: Das wird ein sehr langer Abend. Wir werden zu dem Haus im Dorf gebracht, in dem die einladende Familie lebt. Rahman erklärt uns die Gebräuche der Usbeken. Wir sitzen auf dem Boden und es werden nacheinander alle möglichen, typischen Speisen gereicht. Wir sind wohlgemerkt noch nicht auf der Hochzeit und schon fast pappsatt. Dann geht es im Auto zum Hochzeitssaal. Etwa 400 fein gekleidete Gäste warten an reichlich gedeckten Tischen auf das junge Paar. Besonders die Frauen haben sich vollständig in Schale geworfen, sämtlichen Schmuck angelegt. Etwas unangenehm ist uns natürlich, dass wir in Sachen Äußerlichkeiten mit unserer Alltagsbekleidung so überhaupt nicht mithalten können. Wir werden von überall her freundlich begrüßt und bestaunt. Bekommen am ersten Tisch je einen guten Platz und warten jetzt bei ohrenbetäubender Live-Musik auf den Einmarsch des Paares.

PPP, Feier, Lettau, Hochzeit, Tajik, Rally
Hochzeitsgäste in Gesellschaft (Quelle: Helmut Lettau)

Etwas später zieht das Brautpaar feierlich ein. Es werden kleine Reden und Wünsche für das Paar gehalten. Plötzlich müssen die Deutschen nach vorne zur Bühne. Auch wir müssen dem jungen Paar etwas Gutes wünschen, und noch etwas und noch etwas. Es wird jeweils sofort übersetzt und der ganze Saal applaudiert. Dann werden Essen und vor allem Trinken freigegeben. Wodka folgt auf Wodka, da dürfen die Deutschen nicht schlapp machen. Dann ein professioneller Bauchtanz und der Tanz der Junggesellen. Schließlich tanzt der ganze Saal. Wir bekommen keine Pause. Die Bilder, besonders der Frauen mit ihren strassbesetzten Feiertagsroben und reihenweise Goldzähnen, sind überwältigend. Die Hochzeit in Usbekistan wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.

Dienstag, 26. August:
Morgens machen wir uns auf den (Rest-)weg nach Samarkand. Wir schauen uns den beeindruckenden Moscheenkomplex in der Altstadt an und fotografieren, was das Zeug hält. Die Moscheen von Samarkand mit ihren türkisen Kuppeln gehören sicher zu den bedeutendsten Bauwerken der Welt. Wir sind beeindruckt.

Moschee, Samarkand, Tajik, Rally, Lettau
Moschee in Samarkand (Quelle: Helmut Lettau)

Später machen wir uns auf den Weg zur Grenze. Da wieder mal nicht ein einziges Schild aufgestellt ist, verfahren wir uns gründlich und kommen erst sehr spät an der Grenze an. Die Einreisepapiere, die der Rallyeveranstalter vorgelegt bekommen möchte, erhalten wir nicht alle. Die Atmosphäre an dieser Grenze ist etwas angespannt, weil wir den Eindruck haben, dass die Grenzer sich in der Importsache ahnungslos stellen, obwohl sie den Vorgang kennen müssten. Andi bringt eine Melone in die Amtsstube und versucht so, die Stimmung zu wenden. Wir vermitteln mehrere Telefonate mit Hugh vom Rallyeveranstalter. Später klärt sich noch, dass die Papiere auch in der Hauptstadt gemacht werden können. Kurz nach Mitternacht geht es weiter zum ersten Schlafplatz in Tajikistan.

Mittwoch, 27. August:
Morgens sind wir gleich auf der Strecke nach Dushanbe. Die Qualität der Straße ist hier zunächst überraschend gut. Wir suchen uns einen Bergbach zum Waschen und finden, noch etwas später, eine sehr gute Raststätte zum Mittagessen. Wir wählen, mangels Sprachkenntnissen, unser Essen in der Küche durch "Draufzeigen" aus. Schmeckt aber gut. An einer der nächsten Kreuzungen nehmen wir einen deutschen Tramper mit. Er akzeptiert den Liegendtransport in unserem kleinen Lieferwagen, da wir keinen 3. Sitzplatz im Auto haben. Tommi ist oder war für "Ärzte ohne Grenzen" in Dushanbe unterwegs und ist aktuell in Sachen Bergsteigerei in dieser Region. Er hat einige Geschichten von Land und Leuten aus Tajikistan zu erzählen. Unter anderem käme auf unsere Strecke, jetzt gleich, der "Tunnel des Grauens". Tatsächlich fahren wir durch einen Tunnel, aber das sei er noch nicht. Der zweite Tunnel stellt sich als stockfinsteres Loch heraus. Fast null Licht und dazu noch eine grauenhafte Fahrbahnoberfläche. Weitgehend Schotterpiste mit riesigen Schlaglöchern. Im Tunnel wird gehämmert und gebohrt, sodass zur fehlenden Sicht auch noch jede Menge Staub hinzukommt. Man kann fast nicht atmen. Überall stehen Arbeitsmaschinen herum, selbstverständlich unbeleuchtet. Wie auch die liegengebliebenen Autos. Gegenverkehr. Die alten russischen LKW pusten uns ihre Abgase direkt und ungefiltert ins Gesicht. Dann kommt noch ein Teil, in der die Fahrbahn unter Wasser steht. Der Horrortrip durch den Tunnel dauert etwa 7 km. Ein wahrer Tunnel des Grauens. Wir atmen auf als wir es geschafft haben. Nun noch etwa 250 km zur Ziellinie in Dushanbe. Das Ziel ist Tajik-Film, ein ehemaliges Studiogelände der sowjetischen Filmindustrie. Tommi hilft uns, das Gelände zu finden und mit Gejohle fahren wir durchs Tor. Wir sind die Ersten! Hugh begrüßt uns überschwänglich. Sofort wird ein Siegerfoto gemacht. Wir haben eine Pause in der Kantine und ein lokales Bier verdient. Gemäß GPS-Tracker müsste heute noch mindestens ein weiteres Team eintrudeln. Kaum eine Stunde später erreichen die Wüstenfüchse das Ziel, einige weitere Stunden später kommt “Mission Melone”, bestehend aus 5 Bayern aus Bad Tölz mit 3 reichlich mitgenommenen Nissan- Fahrzeugen.

Esel, Transport, P, Lettau, Tajik, Rally
Auf dem Weg nach Dushanbe (Quelle: Helmut Lettau)

Zur Nacht checkt uns Hugh in einem Hostel ganz am Rande der Stadt ein. Wegen Überfüllung bekommen wir den Standplatz in der Garage. Im Hostel lernen wir einige junge Touristen aus Thailand, Belgien und vor allem aus Deutschland kennen. Etliche sind hier mit dem Rad unterwegs, z. T. von Europa herangeradelt (!), z. T. haben sie sich aber auch das Fahrrad per Flugzeug herbringen lassen, um mit dem Mountainbike den Pamir-Highway entlang zu strampeln.

Donnerstag, 28. August:
Wir vertreiben uns die Zeit und schlendern über den "Grünen Basar". Am Abend findet die "Finish-Line-Party" des Veranstalters statt. Die Vertreter der Hilfsorganisationen, die wir mit der Rallye unterstützen, halten kurze Reden und laden uns ein, die Hilfprojekte auch vor Ort anzuschauen. Auch der Vertreter des Hauptsponsors "Liqui Moly" macht eine kleine Ansage. Dann werden reihenweise Gruppenfotos an der Ziellinie gemacht und wir schreiten zum Abendessen. Es gibt wieder einmal das schmackhafte Nationalgericht der Tajiken, Reis mit Möhren. Auf besonderen Wunsch der Teilnehmer muss im Verlauf Wodka das kaum genießbare lokale Bier ersetzen. Später abends zieht die ganze Bande in eine überlaute Disco und feiert bis in die tiefe Nacht. Am Morgen fehlt im Team "Melone" zunächst ein Mann. Er wird aber zum Glück im Park neben der Disco schlafend aufgelesen.

Freitag, 29. August:
Der nette Vertreter der GIZ (Deutsche Entwicklungshilfe) aus Mühlhausen/Thüringen zeigt uns die Stadt. Wir besuchen ein hoch über der Stadt gelegenes mönströses sowjetisches Kriegsehrenmal, ein berühmtes und sehr schönes Teehaus in der City und spazieren zur größten Fahne der Welt. Plötzlich Trillerpfeifen und Sirenengeheul: Die Menschen und Autos auf den Straßen der Innenstadt bleiben wie angewurzelt stehen. Eine Kolonne schwarzer Limousinen mit reichlich Blaulicht und Sirenengeheul fegt mit geschätzten 150 kmh durch die Stadt. Das ist der allmächtige Diktator mit seinem Clan. In wenigen Sekunden ist der Spuk schon wieder vorbei und die Stadt bewegt sich wieder wie gewohnt. Wir bummeln noch ein wenig durch einen Park mit allerlei Statuen und -als hätten wir es geahnt- der "grössten Bibliothek der Welt". So ein Diktator braucht anscheinend ein paar Superlative fürs Ego. Später werden die Autos auf einen Sammelplatz gefahren, dort wird dann eine Woche später die Versteigerung zu Gunsten von "Habitat" erfolgen. Beim endgültigen Ausräumen unseres Peugeot-Partners kommt schon eine wehmütige Stimmung auf. Hat uns der kleine Lieferwagen doch über ca. 8.000 beinharte Kilometer nicht ein Mal im Stich gelassen. Wir wünschen dem braven Auto alles Gute für sein weiteres Leben im Pamir Gebirge in Tadschikistans. Um Mitternacht begeben sich alle zum Flugplatz. Die Wüstenfüchse haben denselben Flug wie wir, die 5 von Mission "Melone" müssen über Stationen in Russland fliegen. Spaßeshalber wollen sie uns gegen Aufpreis den Direktflug abkaufen - keine Chance!

PP, Lettau, Tajik, Rally
Geschaffte Sieger der Tajik-Rally (Quelle: Helmut Lettau)

Spät abends, genau gesagt ist es schon Samstag in der Früh (30.08.), bringt der Somon Air Flieger Andreas und mich direkt nach Frankfurt und unser Zentral-Asien-Abenteuer der Superlative ist vorbei. Beide kehren wir begeistert zurück von unserem Trip, der tollen Ländern und Städten, der netten freundlichen Menschen Zentralasiens, seiner Natur- und Pflanzenwelt. Gern empfehlen wir jedem diese unbekannte Gegend einmal zu bereisen und sich selbst Eindrücke zu verschaffen. Des Weiteren möchte die Gelegenheit nutzen, um mich bei meinem Reisepartner Andreas Schlimm für die tolle Unterstützung, die geselligen Abende und die vielen unvergesslichen Erinnerungen, die wir zusammen teilen durften, recht herzlich bedanken!

HINWEIS zum Kinofilm zur Tajik-Rally:

Tadschikistan 2013: Die Sonne brennt, die Luft ist dünn und Funken sprühen, weil der Auspuff schon wieder über die Schotterpiste des legendären Pamir Highways schleift. Die Bremsen quietschen und 8 Abenteurer steigen umgeben von atemberaubenden 7000ern aus ihren Peugeots 205.

Der Dokumentationskünstler Alexander Kodisch hat Freud und Leid seines Ostournauten-Teams auf diesem Action-Road-Trip filmisch festgehalten. Er zeigt in seiner lebhaft-inspirierenden Art, was 8 Freunde in 4 betagten Kleinwagen auf der Tajik Rallye 2013 erlebten.

10.000 Km durch Osteuropa über die Krim nach Russland, durch die weiten Steppen Kasachstans geht es über Kirgistan an der chinesischen Grenze vorbei bis ins tadschikische Hochgebirge. Die Eignung des Peugeots 205 als Rallye-Ass wurde ständig aufs Neue erprobt. Passstraßen, Sandpisten und ein Salzsee, zudem Straßensperren durch Separatisten und Flussdurchfahrten, nichts wurde ausgespart.

Ein abgefallener Auspuff gilt gegen Ende schon nicht mehr als Panne, doch auf 4000 Meter werden Reparaturen zur Geduldsprobe. Es stellt sich die Frage: Wann ist ein Auto so kaputt, dass es wirklich nicht mehr fahren kann?
Nach erfolgreichem Kinostart gibt es den 80 minütige Dokumentarfilm ab dem 1. Dezember mit vielen Extras auf DVD (12€) und BlueRay (15€). Weitere Infos, einen Trailer und Bestellmöglichkeiten gibt es auf www.ostournauten.de oder gleich per Email unter dvd@ostournauten.de.


DIESEN BEITRAG: KommentierenDrucken
Bewerten:
Empfehlen:

Mehr von Helmut Lettau
Profilbild von Helmut Lettau

Helmut Lettau vermittelt seit 2003 bundesweit Pflegekräfte aus Polen und Osteuropa an deutsche Angehörige. In dieser Zeit hat er nicht nur hunderte von Betroffenen begleitet, sondern sich als wahrer Experte auf dem Gebiet der 24-Stunden-Pflege bzw. der ...


Kommentare

hättet Ihr Euch nicht mehr Zeit nehmen können(wollen)?

Kommentar schreiben

Sicherheitscode