Ausbruch - Gedanken zur Einsamkeit

Ein Leserbeitrag: Ausbruch - Gedanken zur Einsamkeit

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Unsere Leserin Edith Meyer macht sich Gedanken zum Thema Alleinsein & Einsamkeit.

Das Leben ist schlimmstenfalls wie ein Regenschirm: Es braucht stetig einen Schutz vor unangenehmer Herzenskälte im Winter oder warmen Tränen im Sommer der Jahreszeiten. Ich sah den Schirm, der die Sicht so schleichend trübt, klappte ihn zu und stellte ihn dort, wo er hingehört: Im Gang, wo auch die alltäglichen Schuhe stehen, die Halt bieten auf jedem Gestein. Das Wasser der Flüsse trägt die Seele umfassender als der Regen und die Gletscherschmelze, die  den Rhein bildet, bevor sie die Schweiz verlässt gen Nordwesten ab Konstanz am Bodensee.

Die Passagierschifffahrt bietet schöne kurze Flussreisen an, die sogar erschwinglich sind, wenn nur etwas angespart wird für diesen Zweck des Hinterlassens. Auf Nachfrage hatte die Reederei meinen Vorschlag Platz gegeben, alle Alleinstehenden an einem größeren Tisch zu führen, damit die Essenszeiten optimiert gesellig verbracht werden konnten.

Wir saßen zu fünft: Vier Frauen verschiedener Altersklassen und ein Mann. Letzterer war vor der Pensionierung berufstätig als Reiseleiter, was dazu führte, dass er mit vielen Erlebnissen zur guten Stimmung beitrug. Wie zufrieden die Tischgesellschaft war, konnte ich in den Gesichtern lesen. Wir kannten uns alle nicht, jeder brachte seine Lebensgeschichte mit, die nicht preisgegeben wurde. Jeder genoss während der drei Tage dauernden Flussreise seine Stadtbesichtigungen unter Führung oder alleine. Alle sahen sich zu den Mahlzeiten wieder und tauschten sich aus.

Während der Betriebsamkeit, sei es die des Restaurantpersonals, sei es die der sichtbar angeregten Passagiere, glitt unser Schiff kaum spürbar weiter zum nächsten Sonnenaufgang, den Ufern entlang, die keine weiteren Anhaltspunkte boten als lediglich die Ziel-Häfen. Das Personal, übrigens, kam aus allen Enden der Welt. Von Ägypten, Rumänien, Ungarn, Bulgarien, Griechenland, Jugoslawien, Ukraine, den Philippinen, Hawaii und Österreich.

Wir genossen die reibungslose Zusammenarbeit dieser jungen Menschen, die, meistens mit knappen  Kenntnissen der deutschen Sprache, eine wohlwollende Kolonie bildeten auf dem Schiff. Das Wasser zeigt die besondere Eigenschaft, Seelenleid zu tragen; nur weil es fließt und der Reisende seine Seele nicht fassen und aufbewahren kann…

Was wird aus den Einzelnen werden, wenn sie wieder Boden fassen? Niemand weiß es wirklich und es interessiert auch keinen: Sie werden das Schiff wieder betreten. In der Zwischenzeit werden Fotobuch und Reisebericht erstellt; die Momente genießend, die nicht vergessen werden wollen. Alles fließt, das Ich bleibt mit seiner Schöpfungskraft.


Zum gleichen Thema: Was tun gegen Einsamkeit im Alter?

 


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Edith Meyer (geb. 1961) ist Leserin von basenio.de


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