Pflegenotstand | Pflegeprobleme | in Deutschland

Pflegenotstand & Pflegeprobleme in Deutschland: „Die Zeit für Einzelaktionen ist längst vorbei“

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Pflegenotstand & Pflegeprobleme in Deutschland: Im Gespräch mit dem Präsidenten des Deutschen Pflegerats e. V., Franz Wagner. Wo sieht man beim DPR die drängendsten Probleme in der Pflege? Wie viele Fachkräfte fehlen für die Pflege in Deutschland?

Es ist eine der prägenden Szenen aus dem Bundestags-Wahlkampf 2017, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wird in der ARD-Wahlarena vom Pflegeauszubildenden Alexander Jorde mit dramatischen Verhältnissen in der Pflegebranche konfrontiert. So würden Menschen „stundenlang in ihren Ausscheidungen liegen“, weil zu wenige Pflegekräfte da sind. Durch solche Zustände würde täglich tausendfach gegen den Grundsatz des Artikels 1 Grundgesetz verstoßen, der die Würde des Menschen festschreibt. Auf die Entgegnung der Kanzlerin, man werde mehr Standards in der Pflege einführen und die Leistungen verbessern, fällt Jorde ihr ins Wort, und sagt ihr gerade aus, dass dies so nicht funktionieren wird. "Wie wollen Sie es denn schaffen, dass in zwei Jahren schon mehr Pflegekräfte da sind?"

Hier der Ausschnitt aus der ARD-Wahlarena, die am 11. September 2017 gesendete wurde.

Durch diese Fernsehdebatte rückte das Thema Pflege bei vielen Wahlkämpfern auf die Agenda. Auch nach der Wahl geriet das Thema nicht in Vergessenheit. Allerdings scheint der ganz große Wille zur Veränderung, nicht erkennbar. In den Verhandlungen zur Großen Koalition zwischen CDU, CSU und SPD einigte man sich darauf, dass durch ein Sofortprogramm 8.000 Pfleger eingestellt werden sollen. Demgegenüber steht jedoch ein Bedarf von aktuell 100.000 Fachkräften in der Pflege. 

Ist also so den akuten Problemen in der Pflege beizukommen und welche Schwierigkeiten gibt es außerdem in der Branche? Basenio.de sprach darüber mit Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats e. V. (DPR). Der DPR „ist seit 1998 Dachverband der bedeutendsten Berufsverbände des deutschen Pflege- und Hebammenwesens.“

„Die Zeit für Einzelaktionen ist längst vorbei“

Wo sehen Sie aktuell die größten Probleme im Pflegebereich?

Die größten Probleme im Pflegebereich sind die fehlenden professionell Pflegenden, die schlechten Rahmenbedingungen in der Pflege, die mangelnde Finanzierungsbereitschaft und die geringe Wertschätzung den Berufen in der Pflege gegenüber. Wir müssen bereit sein, an allen Stellschrauben gleichermaßen zu drehen. Wir brauchen eine Gesamtbetrachtung für die Pflegeberufe, und das mit allen sie betreffenden Akteuren. Die Zeit für Einzelaktionen ist längst vorbei. 

Welches Problem ist Ihrer Einschätzung nach das dringendste?

Ohne professionell Pflegende gibt es keine Pflege. Das Pflegepersonal ist die größte und dringendste Baustelle, die geschlossen werden muss. Bereits heute fehlen in den Krankenhäusern und Pflegeheimen jeweils 50.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Benötigt wird ein „Masterplan Pflege“, der klipp und klar die Herausforderungen der nächsten zehn Jahre nicht nur benennt, sondern auch Lösungen auf den Weg bringt.

Franz Wagner, DPR, Präsident Deutscher Pflegerat
Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats e. V., sprach mit basenio.de über den aktuellen Stand in der Pflege. (Quelle: DPR/eigene Darstellung) (Quelle: DPR/eigene Darstellung)

Wie bewertet der Deutsche Pflegerat die Ergebnisse des 5. MDS-Pflege-Qualitätsberichts?

Die Pflegeeinrichtungen sind beim Thema Qualität auf einem guten Weg. Aber es gibt weiterhin Verbesserungsbedarf, zum Beispiel beim Thema Schmerzerfassung und Wundversorgung. Deutlich macht der Bericht, dass die Bedingungen für die Pflegefachpersonen besser werden müssen, sodass sich mehr Menschen auch dauerhaft für diesen Beruf entscheiden. Denn die professionell Pflegenden sind der Schlüssel für eine gute Pflege. Hier besteht Handlungsbedarf.

In den Verhandlungen für eine Neuauflage der Regierungskoalition wird von 8.000 Neueinstellungen in der Pflege gesprochen: Sehen Sie dieses Vorhaben als ausreichend an, um dem Personalmangel in der Pflege entgegenzuwirken?

Nein, solche Maßnahmen sind nichts weiter als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Der Entwurf des Koalitionsvertrages lässt für die Pflegeberufe den großen Wurf vermissen. Der Koalitionsvertrag zeigt durchaus auch Potenziale für die Pflegeberufe auf. Allerdings ist nicht konkretisiert, wie das umgesetzt werden soll. Das ist enttäuschend und bleibt auch deutlich hinter den Versprechungen im Wahlkampf zurück. Es reicht nicht aus, eine aus der Luft gegriffene Zahl in den Raum zu werfen und dann zu denken, dass die wesentlichsten Probleme damit gelöst sind.

Ein Gesamtkonzept für die bereits bestehende Pflegekrise ist seitens der möglichen künftigen Bundesregierung nicht erkennbar. Zudem fehlt die solide Finanzierung solcher Maßnahmen.

Mit der Pflegereform 2017 wurde die Pflege auch für demenziell Erkrankte und Menschen mit psychischen Erkrankungen geöffnet. Gibt es Erfahrungen, dass durch die Reform bei Neu-Anträgen von Menschen mit körperlichen Einschränkungen die Zugangshürden zu Pflegegraden höher sind als vor der Reform?

Die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes war eine gute Entscheidung. Über 300.000 Versicherte haben 2017 erstmals Leistungen der Pflegeversicherung erhalten. Seitens des Deutschen Pflegerats hätten wir uns jedoch eine höhere Sensibilität dahingehend gewünscht, zu klären, wer die damit einhergehenden neuen Leistungen denn tatsächlich erbringen soll und wie diese aussehen.

Das hat jetzt auch die Politik erkannt. Immer häufiger hört man von dieser, dass im nächsten Schritt die Versorgung im Sinne des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes weiterentwickelt werden muss. Andersherum wäre es besser gewesen.


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Profilbild von Steffen Gottschling

Steffen Gottschling (Jg. 1978) lebt und arbeitet in Erfurt. Seit 2012 ist er in der Medienbranche tätig. Hier sammelte er Erfahrungen in der Redaktion von Radio F.R.E.I. und arbeitete als Journalist in der Online-Redaktion der Thüringer Allgemeine. Für ...


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