Blumen für Algernon | Daniel Keyes | Flowers for Algernon | Buchkritik

Was macht „Blumen für Algernon“ zu einem der erfolgreichsten Klassiker der Science-Fiction?

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(Quelle: Isabelle Kocher)

Sie sind auf der Suche nach einem neuen spannenden Buch? Dann empfehlen wir Ihnen den Titel "Blumen für Algernon" (Flowers for Algernon) von Daniel Keyes. Die entsprechende Buchkritik finden Sie im nachfolgenden Beitrag von Isabelle Kocher.

Blumen für Algernon (Orginaltitel: Flowers for Algernon) zählt zu den beliebtesten und bewegensten Romanen des 20. Jahrhunderts sowie zu den erfolgreichsten Klassikern der Science-Fiction. Der mehrfach preisgekrönte Roman wurde bereits millionenfach verkauft und in 27 Sprachen übersetzt. Die 1996 erschienene Geschichte gewann den Hugo- und den Nebula Award, während seine Verfilmung unter dem Titel Charly sogar mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Nun ist es Zeit auch Ihr Bücherregal mit diesem Unikat zu bereichern!

Film-Trailer zur Buchverfilmung von Charly (englisch)

 

Intelligenz hat seinen Preis

Dieser Roman widmet sich dem Leben des geistig zurückgebliebenen Charlie Gordon. Aufgrund einer zu spät erkannten Phenylketonurie ist seine geistige Entwicklung beeinträchtig und sein Intelligenzquotient beträgt nur 68. Der 32-jährige Bäckereihilfsarbeiter wünscht sich nichts sehnlicher als intelligenter zu werden, doch trotz seines unbeugsamen Ehrgeizes tut er sich sichtlich schwer beim Schreiben und Lesen und kann neu Erlerntes kaum behalten. Sein Fleiß zahlt sich insofern aus, als dass er auserkoren wird an einem einzigartigen wissenschaftlichen Experiment teilzunehmen. Mittels einer Gehirnoperation soll seine Intelligenz kontinuierlich gesteigert werden. Dieser Eingriff wird gleichzeitig auch bei der Maus Algernon durchgeführt und gelingt zunächst bei beiden. Mit unglaublicher Geschwindigkeit werden Charlie und Algernon immer intelligenter. Während Algernon immer komplexere Labortests meistert, erlernt Charlie in kürzester Zeit mehrere Sprachen, komponiert Klavierkonzerte und verfasst linguistische Untersuchungen. Da er zunehmend seine Professoren in den Schatten stellt, übernimmt er schließlich selbst die Betreuung des Experimentes.

Als Algernon auf einmal beginnt sich merkwürdig zu verhalten, nimmt die Geschichte eine dramatische Wendung an. Algernon wird immer aggressiver und findet sich nicht einmal mehr in leichten Labyrinthen zurecht. Seine Intelligenz schwindet und Charlie erkennt, dass das Experiment, welches als Behandlungsmethode retardierter Menschen dienen sollte, fehlerhaft war. Nachdem auf Algernons intellektuelle Hochphase unweigerlich der Rückfall ins Primitive bevorsteht, versucht Charlie den Fehler in der Formel zu finden. Er kämpft verzweifelt an der Herstellung eines Gegenmittels und der Berichtigung des Experimentes, um die Hirnerweichung Algernons zu verhindern und selbst einem ähnlichen Schicksal zu entkommen. Kann Charlie es rechtzeitig schaffen der Retardierung von der Schippe zu springen oder ist sein Intellekt bereits zu vermindert, um die Komplexität des neurowissenschaftlichen Versuches zu  hinterfragen?

Wie Charlie Gordon seine Welt sah

Da Charlie von seinen Ärzten aufgefordert wird täglich Tagebuch zu führen um seine Fortschritte zu dokumentieren, ist der Leser der Hauptfigur durch die Ich-Erzählform besonders nahe. Mit ihm erleben wir was es heißt, geistig zurückgeblieben zu sein und begreifen schon vor ihm, dass es das Leben und seine Mitmenschen nicht immer gut mit ihm meinen.

Mit zunehmender Intelligenz eignet er sich nicht nur Sachwissen aus Büchern an, sondern entwickelt auch bessere Sozialkompetenzen und versteht es das Verhalten anderer Menschen besser einzuschätzen. So wird im bald klar, wie fehlerhaft er frühere Begebenheiten interpretiert hat und er beginnt, diese retrospektiv neu zu beurteilen. Es wird ihm bewusst, welcher Schmach er früher ausgesetzt war und wie rücksichtslos Menschen im Umgang mit behinderten Personen sind. Seine Familie und seine Freunde haben ihn nicht nur nicht akzeptiert, sondern sich auch häufig auf seine Kosten amüsiert.

In einer Zeit, in der etwas mehr Anteilnahme, Rücksicht und Zuwendung Charlie vielleicht eine geringe geistige Weiterentwicklung ermöglicht hätte, wurde er von seinen Mitmenschen im Stich gelassen. Da seine sogenannten Freunde in ihrer pädagogischen Aufgabe versagt haben und ihm jegliche Mitmenschlichkeit verwehrten, musste er sich blind auf Rettung der Wissenschaft verlassen und so ein enormes Risiko eingehen.

„Dr Strauss sagt fon nun an sol ich aufschreiben was ich denke und woran ich mir erinere und ales was ich erlebe. Wiso weis ich nich aber er sagt es ist wischtisch da mit sie sen ob sie mich nemen können. Ich hofe sie nemen mich weil Miss Kinnian sagt fileich könen sie mich Intelgent machen. Ich möchte gern Intelgent sein.“

Ein imposanter Schreibstil

Blumen für Algernon wurde in Tagebuchform geschrieben und umfasst einen Zeitraum von knapp zehn Monaten. Von Anfang März bis Ende November verfasst Charlie Gordon fast täglich Fortschrittsberichte für seine behandelnden Ärzte. Durch diesen sehr persönlichen Schreibstil lassen sich die Geschehnisse unmittelbar aus der Perspektive der Hauptfiguren miterleben. Das bedeutet jedoch auch, dass die ersten Seiten sehr gewöhnungsbedürftig sind. Da Charlie zu Beginn kaum die einfachsten Regeln der Orthografie und Grammatik beherrscht, überraschen die ersten Sätze den Leser und deuten bereits an, dass man hier kein gewöhnliches Buch vor sich hat.

Anhand dieses Stilmittels kann man Charlies sprachliche und geistige Entwicklung miterleben, da er nach seiner Gehirnoperation schnell seinen Wortschatz erweitert und die grammatikalischen Regeln erlernt. Seine Darstellungsweise wird zunehmend selbstreflexiver und kritischer, sodass man durch seine Sprache bereits lange vor ihm erkennt, wie sehr er sich verändert.

Besonders diese originelle stilistische Vorgehensweise von Daniel Keyes trägt dazu bei, dass sich Blumen für Algernon beim Leser einprägt und sich gegenüber anderer Science-Fiction Romane hervorhebt.

„Ich bin der Lösung ganz nahe. Ich spüre es. Alle meinen,  ich bringe mich mit diesem Arbeitstempo um, aber sie verstehen nicht, daß ich auf einem Gipfel angelangt bin, Klarheit und Schönheit in ungeahntem Maße erlebe. Alles in mir ist auf die Arbeit eingestimmt. Am Tage sauge ich, was ich lese und lerne, mit allen Poren auf, und nachts - kurz vor dem Einschlafen - explodieren die Ideen in meinem Kopf wie ein Feuerwerk. Es gibt kein größeres Glück als die plötzlich aufflammende Lösung eines Problems.“

Meine Meinung

Daniel Keyes bekanntester Roman Blumen für Algernon erzählt die Geschichte eines liebenswerten, aber auch einfältigen jungen Mannes, der sich zu einem außergewöhnlichen Genie entwickelt. Charlie Gordon ergattert sich im Herzen jedes Lesers einen Platz und lässt uns bei allen Perioden seines Lebens mit Bangen und Hoffen.

Dieser bewegende Roman regt zum Nachdenken an und zwingt den Leser an, vielen Stellen inne zu halten um das Gelesene zu verdauen. Er konfrontiert einen mit der Frage, was den Menschen ausmacht und ob Glück und Intelligenz wirklich voneinander abhängen. Obwohl diese Geschichte bereits vor vierzig Jahren geschrieben wurde, ist ihre Relevanz auch heute, im Zeitalter der Eugenik-Forschung, ungebrochen und die Thematik ebenso aktuell wie damals. Daniel Keyes wissenschaftspessimistischer Roman zählt zu den wenigen Werken der US-amerikanischen Science Fiction, der auch außerhalb seines Genres literarische Anerkennung findet und in keinem Bücherregal fehlen darf.

 

 

 

 

 


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Profilbild von Isabelle Kocher

Isabelle Kocher ist seit März 2015 für Basenio tätig. Sie hat im Bachelor Anglistik und Germanistik studiert und sich anschließend für den Masterstudiengang Angewandte Linguistik entschieden. Diesen wird sie im Herbst 2017 mit sehr gutem ...


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