Operationen im Alter | Unfallchirurgie & Demographischer Wandel

Warum stellt der demographische Wandel auch die Unfallchirurgie vor neue Herausforderungen?

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(Quelle: Andreas Göbel)

Immer mehr ältere Patienten, immer weniger Unfälle bei den Jungen: Die Unfallchirurgie muss sich neu erfinden, meint Chefarzt Weihrauch. Eine umfassende Zusammenarbeit der verschiedenen Fakultäten ist nötig. Weitere Infos erhalten Sie nachfolgend.

Ilmenau. Die Gefahr lauert oft im Alltag: Besonders für ältere Menschen ist der Sturz aus dem Bett oder dem Stand eines der häufigsten Unfallursachen. "Für alle Patienten ist das ein heftiges Ereignis mit weitreichenden Folgen", sagt der Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie an der Ilm-Kreis-Klinik in Ilmenau, Thomas Weihrauch. Im Rahmen der Senioren-Akademie spricht er in einem Hörsaal der Technischen Universität über die Herausforderungen der Zukunft.

"Altersassoziierte Gehstörungen" nennen die Fachleute das Phänomen, das mit zunehmendem Alters den gesamten Bewegungsapparat ergreift und Menschen leichter Stolpern und Fallen lässt. 80 Prozent der Krankenhausaufenthalte von Patienten über 80 Jahren gehen im Schnitt auf das Konto der Stürze in einem harmlos erscheinenden Umfeld. Gefeit ist keiner vor den heimtückischen Unfällen. Die Folge sind Oberschenkelhalsbrüche, Handgelenksfrakturen, Brüche des Oberarmkopfes, des Beckens oder von Wirbeln. Oft sind auch bereits vorhandene Prothesen betroffen. Die Kosten für die Behandlung steigen: Im Schnitt pro Jahr 2,7 Milliarden Euro fallen in Deutschland allein für das kurieren von Oberschenkelhalsbrüchen an, statistisch gesehen erleidet jeder 25. Wohnheim-Bewohner jedes Jahr eine solche Fraktur, bei Menschen über 80 Jahren ist diese Form des Knochenbruchs besonders häufig.

Das Problem: Mit einer immer älter werdenden Bevölkerung wächst auch die Zahl der Frakturen bei alten Patienten. Vorsichtige Experten rechnen mit einer Verdreifachung bis zum Jahr 2030, manche gehen von 130 Prozent Zunahme aus. 2006 waren 61 Prozent der Verletzten in deutschen Krankenhäusern älter als 65 Jahre. In den kommenden Jahren wird sich die Bevölkerungspyramide weiter in Richtung der Älteren verschieben. "Heute sind die älteren Menschen zudem viel mobiler, aktiver und auch anspruchsvoller in Sachen Lebensgestaltung, als das noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall war", sagt Weihrauch. Das sei grundsätzlich eine sehr positive Entwicklung, stelle die Medizin aber vor ganz neue Herausforderungen.

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Vorlesung in der Senioren-Akademie (Quelle: Andreas Göbel)

Denn je älter ein Patient ist, umso schwieriger gestaltet sich auch die Genesung. Die Organe werden ab dem 80. Lebensjahr verletzlicher, die Regenration verläuft langsamer. Oft kommen Krankheiten wie Osteoporose dazu, die die Knochen zusätzlich schwächen. "Die OP-Techniken werden immer stärker auf ältere Patienten angepasst", sagt Weihrauch. "Auf die empfindliche Altershaut muss ebenso Rücksicht genommen werden, wie auf den Zeitpunkt der Operation." Deutlich länger dauern auch die Reha-Maßnahmen. "Oft sind diese erst nach einem Jahr beendet", sagt Weihrauch. "Da ist jede Menge Geduld des Patienten nötig."

Die vermutlich größten Herausforderungen stellt die schleichende Veränderung jedoch an die Infrastruktur in den Kliniken. "Therapie, Reha und Prophylaxe müssen künftig noch deutlich stärker zusammenspielen", sagt Weihrauch. Für ihn ist es nur eine Frage der Zeit, dass sich Kliniken auf die neuen Gegebenheiten anpassen und tiefgreifende Veränderungen einführen. Die Lösung ist eine stärkere Verzahnung der einzelnen Fachbereiche. "Viele verschiedene Fakultäten müssen zusammenarbeiten, um die Potenziale zu vereinen und eine optimale Versorgung zu gewährleisten", sagt Weihrauch. Nicht nur Geriater, Ergo- und Physiotherapeuten und Logopäden, auch die Pflege und der Sozialdienstes müssen in solchen "Zentren für Alterstraumatologie" unter einem Dach zusammenarbeiten. "Das ist ein komplexer Ansatz, aber ein lohnendes Ziel. In Zukunft werden vermutlich viele solcher Zentren entstehen."

 


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Andreas Göbel berichtet aus der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt überaktuelle Themen aus Thüringen und ganz Deutschland - von Politik,Wissenschaft und Kultur bis hin zu Panorama-Themen. Als Freier Journalist lange Jahre für die Nachrichtenagentur dapd tätig,schreibt ...


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