Suizid & Selbstmord im Alter | Depressionen im Alter

Suizid im Alter: Haben wir ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben?

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Der Tod des Partners, Krankheiten oder die Angst vor dem Pflegefall: Altern bedeutet auch Verlust, Schmerz und Ängste. Altersdepressionen und Sterbehilfe wurden lange totgeschwiegen. Nun hat sich die Bundesregierung dieser Frage angenommen.

Die Menschen in Deutschland werden immer älter - eine grundsätzlich positive Meldung, die vor allem die Werbung für sich entdeckt hat. Dabei bleibt jedoch häufig unerwähnt, welche Prüfungen das Alter mit sich bringt: Freunde und Ehepartner sterben, die eigene Leistungsfähigkeit sinkt. Hinzu kommen die Fragen nach dem Sinn des eigenen Lebens. "Habe ich alles richtig gemacht?", "Was hätte ich besser machen sollen?". Bei vielen Menschen werden diese Fragen mit fortschreitendem Alter immer dringender, Gesprächspartner gibt es jedoch meist sehr wenige.

Jedes Jahr ein prominenter Freitod

So verwundert es nicht, dass besonders viele alte Menschen die Selbsttötung als letzten Ausweg wählen. Die Liste der prominenten Beispiele ist lang: Jüngstes Beispiel ist der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter, der am 9. Oktober 2014 im Alter von 70 Jahren seinem Leben ein vorzeitiges Ende setzte. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern: So hatte etwa der frühere Playboy und Millionenerbe Gunter Sachs 2011 den Freitod gewählt - offiziell aufgrund seiner Angst vor einer möglichen Alzheimer-Erkrankung.

2013 erschoss sich der 89-jährige Milliardär und Mitbegründer des Metro-Konzerns, Otto Beisheim, in seinem Haus in Rottach-Egern, 2009 hatte sich der Unternehmer Adolf Merkle das Leben genommen, indem er sich vor einen Zug warf. 2010 wurde der Tod des früheren Geschäftsführers des Flick-Konzerns bekannt. Ein Fall, der auch die Debatte um das Thema Sterbehilfe neu entfachen sollte. Denn der schwerkranke Eberhard von Brauchitsch nutzte die Dienste von "Exit", einer Schweizer Sterbehilfe-Organisation, um gemeinsam mit seiner ebenfalls schwer erkrankten Frau aus dem Leben zu scheiden.

Suizidrisiko steigt mit dem Alter

Doch diese prominenten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs: 9.000 Suizide waren 2012 vom Statistischen Bundesamt in Deutschland erfasst worden. In Deutschland starben demnach deutlich mehr Menschen durch Selbstmord als durch Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen. Eine weitere schockierende Erkenntnis: In Deutschland steigt das Suizidrisiko mit dem Alter. 40 Prozent der Selbsttötungen wurden 2012 von Patienten im Alter von über 60 Jahren vorgenommen. Das Durchschnittsalter der durch Suizid gestorbenen Menschen ist in den vergangenen Jahren permanent gestiegen und liegt aktuell bei 56,9 Jahren. Besonders gefährdet sind demnach Männer, die alleine leben.

Doch viele dieser Todesfälle wären vermeidbar, sagen Experten. Sie sehen vor allem zwei Hauptgründe hinter diesem Phänomen: Körperliche Krankheiten ohne Hoffnung auf Genesung sowie psychische Erkrankungen wie Depressionen, welche häufig durch Einsamkeit im Alter ausgelöst werden. Eine Studie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg belegt, dass vor allem die Behandlung von Depressionen sichtbare Erfolge zeigen kann: Im Rahmen eines speziellen Programms zur Versorgung depressiver Patienten konnte die Anzahl der Suizidversuche und der tatsächlich verübten Selbsttötungen um bis zu 25 Prozent verringert werden.

Depressionen im Alter - Wachsamkeit ist die beste Vorsorge

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Depressionen im Alter (Quelle: www.basenio.de)

Vor allem Angehörige und Pflegepersonen sollten demnach wachsam sein, um Anzeichen für einen möglichen Suizid rechtzeitig zu erkennen. Organisationen wie das "Deutsche Bündnis gegen Depression" liefern wichtige Hilfestellungen im Umgang mit Depressionen. 

Doch wie steht es um das Recht, sich selbst das Leben zu nehmen, wenn die Lage aussichtslos erscheint? Nachdem in Deutschland jahrzehntelang ein klares Verbot der Selbsttötung geherrscht hatte, kommt nun neuer Wind in die Diskussion. Nicht zuletzt aufgrund der prominenten Selbsttötungen, zuletzt von der an einem Gehirnumor erkrankten US-Amerikanerin Brittany Maynard ist die Diskussion aktuell wie lange nicht.

Die Grundeinstellung hat der Menschen gegenüber dem Freitod haben sich mit der Zeit geändert: Jahrhundertelang galt der Selbstmord in der christlichen Lehre als Sünde, der Umgang mit dem Problem war mit diesem Schwarz-Weiss-Schema vergleichsweise einfach. Doch nicht zuletzt die moderne Medizin hat einen Beitrag dazu geleistet, dieses Dogma zu überdenken: Immer mehr Menschen stellen sich die Frage, was verwerflich daran ist, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Wo endet das Recht auf Selbstbestimmung? Wie verträgt sich eine unheilbare Krankheit mit Aussicht auf eine jahrelanges Leben als Pflegefall mit der im Grundgesetz verankerten Würde des Menschen? Bis zu welchem Punkt ist das Leben noch "lebenswert"?

Der Bundestag disskutiert über assitierten Suizid

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Der Bundestag in Berlin (Quelle: www.basenio.de)

All diese Fragen werden in den kommenden Monaten wohl so intensiv diskutiert wie lange nicht: Eine vierstündige Debatte im Bundestag am Donnerstag (13.11.) ist nur der erste Schritt zu einer Reform der Sterbehilfe. Der Fraktionszwang wurde für dieses heikle Thema aufgehoben, die teils emotional geführten Redebeiträge verdeutlichten, wie schwierig und facettenreich der Umgang mit der Selbsttötung ist.

Unterschieden wird derzeit zwischen der aktiven, der passiven und der indirekten Sterbehilfe. Die aktive Sterbehilfe ist in Deutschland als Tötung auf Verlangen strafbar (§ 216 StGb - Tötung auf Verlangen), passive und indirekte Sterbehilfe nicht. Ein Gesetzesentwurf der CDU und SPD- Politiker Hintze und Lauterbach sieht vor, unter strengen Auflagen und in besonders aussichtslosen Fällen den Ärzten Hilfe beim Suizid zu erlauben. Gruppen um die Grünen setzen auf eine eher liberale Gesetzesregelung, in der Union gibt es viele Gegner der Sterbehilfe.

"Wir müssen über Sterbekultur intensiv sprechen", sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Carola Reimann. "Vor allem müssen wir die Beihilfe zum Suizid rechtssicher machen. Deutschland in in dieser Hinsicht ein Fleckenteppich." Die derzeit geltenden unterschiedlichen Regelungen müssten dringend vereinheitlicht und zudem die Palliativ-Versorgung verbessert werden.

Die Vorschläge der Politiker reichen von der Legalisierung von Sterbehilfevereinen über einen weitgehenden Ermessensspielraum der Ärzte bis zu einem klaren Verbot der Sterbehilfe. Eine Entscheidung ist jetzt jedoch noch nicht erwarten. Eine gemeinsame Linie ist derzeit nur in der nötigen Verbesserung der Hospizmedizin erkennbar. Wenn alles planmäßig läuft, wird das neue Gesetz im Herbst 2015 verabschiedet.

Wir von basenio.de würden Ihre Meinung gern dazu wissen und bitten Sie in dem unteren Kommentarfeld Ihre persönlichen Beitrag zu hinterlassen. Diesen können Sie auch unter vollkommen anononym abgeben. Danke.

 

 

 

 

 


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Andreas Göbel berichtet aus der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt überaktuelle Themen aus Thüringen und ganz Deutschland - von Politik,Wissenschaft und Kultur bis hin zu Panorama-Themen. Als Freier Journalist lange Jahre für die Nachrichtenagentur dapd tätig,schreibt ...


Kommentare

Danke Andreas Göbel für diesen gelungenen Beitrag. Ich persönlich bin für eine Genehmigung der aktiven Sterbehilfe, welche jedoch unter Aufsicht von Ärzten erfolgen sollte. Es gibt Umstände im Leben, die eine solche frei getroffene Entscheidung zum Freitod rechtfertigen. Auch wenn es Befürchtungen von steigenden Suiziden gibt, in anderen Ländern ist dies auch nicht eingetreten.

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